Pressemitteilung vom 23.03.2021 der Bertelsmann Stiftung

Jugendliche fühlen sich durch Corona stark
belastet und zu wenig gehört

Junge Menschen klagen in der Corona-Zeit über psychische Probleme, Vereinsamung und Zukunftsängste. Das gilt besonders für diejenigen mit finanziellen Sorgen. Von der Politik fühlen sie sich im Stich gelassen. Dabei sind sowohl materielle Unterstüt-zung als auch eine stärkere Beteiligung von Jugendlichen gerade jetzt vonnöten.

Gütersloh, 23. März 2021. Die Corona-Pandemie stellt die jungen Menschen in Deutschland vor große Herausforderungen. 61 Prozent von ihnen geben an, sich teilweise oder dauerhaft einsam zu fühlen. 64 Prozent stimmen zum Teil oder voll zu, psychisch belastet zu sein. 69 Prozent sind, und sei es nur teilweise, von Zukunftsängsten geplagt. Zudem gibt ein Drittel der Jugendlichen (34 Prozent) an, finanzielle Sorgen zu haben; vor Corona lag ihr Anteil noch bei etwa einem Viertel. Auffällig ist zudem, dass Jugendliche mit Geldsorgen öfter Zu-kunftsängste äußern und sich häufiger psychisch belastet und einsam fühlen als andere junge Menschen. Das geht aus den beiden Befragungen „Jugend und Corona“ hervor, die von den Universitäten Hildesheim und Frankfurt/Main durchgeführt und in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung vertiefend ausgewertet worden sind.

Angesichts der großen Belastungen wären Aufmerksamkeit und Unterstützung für die jungen Menschen besonders wichtig. Doch genau diese vermissen sie. 65 Prozent der befragten Jugendlichen gaben während des zweiten Lockdowns im November 2020 an, dass ihre Sorgen eher nicht oder gar nicht gehört werden. Das ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zur Be-fragung vom April und Mai 2020, bei der bereits 45 Prozent diesen Eindruck äußerten. Anders als in der öffentlichen Debatte, möchten die Jugendlichen nicht auf ihre Rolle als Schü-ler:innen, Auszubildende oder Studierende in der Corona-Zeit reduziert werden. Dass sie in der Pandemie auf Vieles verzichten müssen – Kontakte zu Freund:innen und Gleichaltrigen, organisierte Freizeitaktivitäten, Möglichkeiten zur Selbstentfaltung – wird Ihrer Meinung nach kaum thematisiert, geschweige denn anerkannt. In die Politik setzen sie nur wenig Hoffnung auf Besserung: 58 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Situation der Jugendli-chen den Politiker:innen nicht wichtig sei. Mit 57,5 Prozent gehen fast genauso viele gar nicht erst davon aus, dass junge Menschen ihre Ideen in die Politik einbringen können.

Breite und kontinuierliche Jugendbeteiligung auf allen Ebenen

„Corona hat die Probleme vieler junger Menschen verstärkt. Die Pandemie zeigt wie unter einem Brennglas die schon länger bestehenden Defizite in der Kinder- und Jugendpolitik. Es ist jetzt dringend nötig, die Sorgen der Jugendlichen ernst zu nehmen und zu adressieren“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

„Die negativen Auswirkungen der Pandemie auf ihre Lebensumstände zeigen: Junge Menschen brauchen Möglichkeiten für eine breite und kontinuierliche Beteiligung in allen sie be-treffenden Bereichen“, betont Tanja Rusack von der Universität Hildesheim. Bereits 2019 hatte die Bertelsmann Stiftung in der Studie „Children’s Worlds+“ dargelegt, dass sich ein großer Teil der jungen Menschen nicht ernst genommen und unzureichend beteiligt fühlt. Das Jugendhearing des Bundesfamilienministeriums oder ein bereits geforderter Kindergipfel seien richtige Signale aus der Politik, so Jörg Dräger, aber: „Bei der Beteiligung von Jugend-lichen darf es keine Alibi-Formate geben. Vielmehr müssen den Gesprächen Angebote folgen, wo und wie junge Menschen konkret mitentscheiden und Verantwortung übernehmen können.“

Konzepte gegen Kinderarmut endlich umsetzen

Um die Belange der jungen Generation systematisch stärker zu berücksichtigen, sollte die Politik so schnell wie möglich eine repräsentative, umfassende und regelmäßige Bedarfserhebung für und mit Kindern und Jugendlichen einführen und finanzieren. Der aktuelle Zeit-punkt ist günstig, um die durch Corona verursachten und verschärften Probleme zu identifi-zieren und geeignete Lösungen zu erarbeiten. „Eine solche Bedarfserhebung muss mit jun-gen Menschen entwickelt und durchgeführt werden und dabei besonders die Kinder und Jugendlichen in prekären Lebensverhältnissen erreichen“, sagt Johanna Wilmes von der Goethe Universität Frankfurt.

Wie wichtig gezielte Maßnahmen sind, um die materielle Situation von jungen Menschen aus benachteiligtem Umfeld zu verbessern, unterstrich das im Juli 2020 veröffentlichte Factsheet Kinderarmut der Bertelsmann Stiftung. Diesem zufolge waren in Deutschland schon vor Beginn der Corona-Krise mehr als ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren von Armut bedroht. Infolge der Pandemie dürfte sich diese Notlage weiter zugespitzt haben. Die Bertelsmann Stiftung fordert daher, vorliegende Konzepte zur Bekämpfung der Kinderar-mut endlich umzusetzen. Dazu zählt insbesondere eine Kindergrundsicherung, wie das von der Bertelsmann Stiftung entworfene Modell eines Teilhabegelds, das bestehende staatliche Leistungen für Kinder bündelt und allen jungen Menschen bis 25 Jahren zugutekommen soll.

Zusatzinformationen
Die beiden Jugendbefragungen „Jugend und Corona“ (JuCo I und II) wurden von einem For-schungsverbund der Universitäten Hildesheim und Frankfurt/Main durchgeführt. An JuCo I (15.04.-03.05.2020) nahmen 5.520 Jugendliche teil, an JuCo II (09.-22.11.2020) beteiligten sich mehr als 7.000 junge Menschen. Die Ergebnisse wurden zusammen mit Jugendlichen eines Expert:innen-Teams in mehreren Online-Workshops von September 2020 bis Januar 2021 diskutiert und reflektiert. Die Jugendlichen haben ihre Erfahrungen und Forderungen in einer eigenen Broschüre „Fragt uns 2.0 – Corona Edition“ festgehalten. Die für die JuCo-Stu-dien zusammengetragenen Erkenntnisse basieren auf jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit der Kindheits- und Jugendforscher:innen zur Lebenswirklichkeit von jungen Menschen in Deutschland. Einzelne Daten aus beiden Befragungen sind bereits veröffentlicht worden.

Expert*innen bei Bertelsmann für Rückfragen:

Anette Stein, Telefon: 0 52 41 81 81 274
E-Mail: anette.stein@bertelsmann-stiftung.de

Antje Funcke, Telefon: 0 52 41 81 81 243
E-Mail: Antje.Funcke@bertelsmann-stiftung.de

Hinweis:

Dieser Inhalt wurde erstmalig auf der Webseite der Bertelsmann Stiftung unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2021/maerz/jugendliche-fuehlen-sich-durch-corona-stark-belastet-und-zu-wenig-gehoert veröffentlicht. Hierbei handelt es sich nicht um einen redaktionellen Beitrag des KRFs, sondern um einen Inhalt aus unserem Partner- und Freundesnetzwerk.

Ergänzende Anmerkungen des KRFs

Auch das KRF beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf Kinder und Jugendliche und auch wir sehen große Lücken, insbesondere wenn wir uns die Vorgaben der Kinderrechtskonvention anschauen.
Natürlich ist das ganze Land betroffen und auch andere Generation stehen vor Herausforderungen. Allerdings ist es doch immer so, dass die Stimmen der Jüngsten häufig keine Beachtung bekommen.
Die Kinderrechtskonvention schreibt in Art.3 vor, dass das Kindeswohl bei allen Maßnahmen berücksichtigt werden muss. Insbesondere politische Entscheidungen während der Corona-Pandemie, scheinen sich aber nicht am Wohl des Kindes zu orientieren.
Art. 13 gewährt Kindern und Jugendlichen das Recht auf Meinungsfreiheit. Aber was nützt dieses Recht, wenn die Meinung derjenigen, die die Zukunft des Landes bilden werden, nicht gehört wird?
Durch die Befragungen „Jugend und Corona“ wurde auch sichtbar, dass sich Auswirkungen von Kinderarmut während der Pandemie noch einmal besonders verschärfen. Sowohl Art.26 also auch Art. 27 garantieren Kindern und Jugendlichen aber Soziale Sicherheit und angemessene Lebensbedingungen. Allerdings muss man gar nicht genau hinschauen, um zu sehen, dass dieses Recht seit über einem Jahr in der Politik nicht genügend berücksichtigt wird und Kinder und Jugendliche auf der Strecke bleiben.
Zurecht fordert die Bertelsmann Stiftung daher eine sofortige Umsetzung vorliegender Konzepte zur Bekämpfung der Kinderarmut.

ÜBER DAS KRF

Das KRF (KinderRechteForum) ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Köln und setzt sich seit 2014 für die Verwirklichung von Kinderrechten ein.
Individuelle Hilfe, Lobbyarbeit und Förderung von Engagement sind dabei die drei Grundpfeiler unserer Tätigkeit. 
Im Rahmen unserer bundesweiten Ombudsstelle zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention unterstützen wir Kinder, Jugendliche, Familien und Bezugpersopnen bei Fragen, Beschwerden und in Notlagen.

Pressekontakt

Anna-Lena Nickel
Lobbyarbeit
Fachbereich Information & Kommunikation
E-Mail: presse@kinderrechteforum.org
Tel: +49 (0)221 999871-13